Informationen zu
Hasankeys, GAP und dem Ilisu-Staudamm, Zeitungsartikel,
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DER
ILISU-STAUDAMM
Das größte
Wasserkraftwerksprojekt der Türkei ist der
Ilisu-Staudamm am Tigris.
Der Staudamm soll nur 65
Kilometer von der syrischen und irakischen Grenze
entfernt gebaut werden. Er soll 1820 Meter lang und 135
Meter hoch werden und sich über eine Strecke von 135 km
erstrecken. Der Bau des Ilisu-Staudammes wird nach
Angaben des Bundesministeriums für Wirtschaft und
Technologie mindestens 2,5 Mrd. DM verschlingen.
Im Folgenden wollen wir
darstellen, welche immensen Probleme mit dem Bau dieses
Staudammes verbunden wären. Wir wollen in fünf
Abschnitten über die ökologischen, die kulturellen, die
sozialen und die geopolitischen Probleme sprechen sowie
die Rolle Deutschlands dabei näher beleuchten.
Ökologische Probleme
Beginnen wir mit den
ökologischen Problemen.
Flüsse und ihr Umland
sind in hohem Grade voneinander abhängig und stehen in
vielfachen Wechselwirkungen. Die Folgen des Staudammbaus
wirken auf die gesamten Fließgewässerlandschaften der
Region.
Der Ilisu-Staudamm wird
die Fliessgeschwindigkeit und damit die
Selbstreinigungskraft des Flusses über weite Strecken
massiv herabsetzen. Die Zufuhr von Sauerstoff wird im
Vergleich zum fließenden Wasser deutlich verringert. Das
Selbstreinigungsvermögen des Flusses wird drastisch
reduziert, Nähr- und Schadstoffe reichern sich an. Der
Sauerstoffgehalt des Wassers sinkt insbesondere in den
Sommermonaten. Die an das Fließgewässer angepassten
Lebensgemeinschaften können in den Standgewässern nicht
existieren.
Die Abwässer der Region
- unter anderem der Millionenstadt Diyabakir - werden
bisher ungeklärt in den Tigris geleitet. Die Abwässer
drohen den See in eine giftige Kloake zu verwandeln.
Selbst die Hauptinvestoren, ABB und Sulzer bezeichneten
diese Gefahr als "eines der wichtigsten
Projektrisiken". Kläranlagen könnten diesem
Problem zwar entgegenwirken, es ist aber bei aller
bisherigen Erfahrung fraglich, ob nach einem solch
kostenintensiven Projekt wie dem Staudammbau noch Geld
für Umweltschutzmaßnahmen bleibt. Aber auch wenn
Gegenmaßnahmen, wie der Bau von Kläranlagen, ergriffen
werden, besteht bei einer Stauung das Problem der
Ausbreitung von Malaria durch stehendes Gewässer.
Des Weiteren soll mit
Hilfe von, mit dem Staudamm zusammenhängenden,
Bewässerungsprojekten eine hyperintensive Landwirtschaft
in der Region betrieben werden. So etwas bleibt nicht
ohne ökologische Folgen. Nicht nur massive Anwendung von
Düngemittel und Pestiziden werden die Natur auf Dauer
schädigen. Vor allem besteht Gefahr durch die von dem
Stausee aus dem Boden gelösten Mineralien, die sich in
der Folge in den bewässerten Flächen ablagern und diese
in einiger Zeit unfruchtbar machen.
Von ökologischer Seite
wird den Kritikern des Staudammes vorgeworfen, sie lassen
den Aspekt der ökologisch sauberen Energiegewinnung aus
den Augen.
In der Tat sollen an dem
Staudamm Wasserkraftwerke entstehen, welche die Region
mit Energie versorgen sollen.
In der Tat ist ein
zunehmender Energiekonsum in der Türkei unbestritten.
Doch allein mit der
Bekämpfung von Übertragungsverlusten könnte in der
Türkei ökologischer und kostengünstiger Strom
eingespart werden als mit einem fragwürdigen
Staudammprojekt.
Weitere ökologische
Folgen des Projektes wären das Verschwinden von
verschiedensten Lebensräumen durch das Fluten von Auen
und Flußtälern. Außerdem bleibt der Grundwasserspiegel
im Umland von Staussen ganzjährig auf relativ
gleichbleibend hohem Niveau. Dies kann, durch das Fehlen
der Unterbrechung des kapilaren Aufstieges mineralreichen
Grundwassers in den Sommermonaten zu Bodenversalzung
führen. Dies gilt besonders, wenn die Überschwemmungen,
welche Salze auswaschen, ausbleiben.
Wir haben gesehen: Aus
vielfältigen ökologischen Gesichtspunkten ist das
Staudammprojekt abzulehnen!
Kulturelle Probleme
Durch den Ilisu-Stausee
werden Kulturdenkmäler und Kulturgüter in enormen
Ausmaße zerstört. Der Stausee soll unter anderem
Hasankeyf, eine archäologisch äußerst wertvolle
Kleinstadt am Tigris unter Wasser setzen. Hasankeyf ist
die einzige Stadt in Anatolien und Ober-Mesopotamien die
vollständig aus dem Mittelalter und der Zeit davor
erhalten geblieben ist. Über zwei Jahrtausende lang
beherrschte die alte Stadt hoch über dem Tigris die
weite Ebene zu ihren Füßen. Sie war ein wichtiger
Kontrollpunkt auf den alten Karawanenstraßen zwischen
Indien, China und dem Mittelmeer und zeitweise ein
bedeutender Herrschersitz. Die Römer kannten sie als
Cephe, die Griechen als Kephe, die Byzantiner nannten sie
Kiphas und die Araber, die sie im siebten Jahrhundert
eroberten, Hisn Kayfa. Das am Südufer liegende Hasankeyf
war im Mittelalter eine der wichtigsten Städte in
Ober-Mesopotamien.
In der noch erhaltenen
Burg befinden sich die Ruinen einer Moschee und eines
Palastes. Prächtig und wundervoll anzusehen sind die in
Wohnungen umfunktionierten Höhlen, in denen bis vor
Kurzem noch Menschen lebten.
Besonders die Kurden der
Gegend sind erbost über die Pläne der ungeliebten
Regierung im fernen Ankara. Viele von ihnen sehen in dem
Staudammprojekt einen vorsätzlichen Plan zur Zerstörung
eines Stücks eigener Identität. Es sollen gezielt
Dokumente kurdischer Geschichte zerstört werden.
Hasankeyf wurde am 14.
April 1978 unter Denkmalschutz gestellt. Seit 1981
dürfen in solchen Stätten keine Bauvorhaben
durchgeführt werden, sondern müssen "ohne jede
Änderung erhalten werden". Der Baubeschluss
bezüglich des Ilisu muss damit als widerrechtlich
bezeichnet werden. Es ist nicht gerechtfertigt, eine
historische Stadt für ein Kraftwerk mit einer
Lebensdauer von bloß 50 bis 100 Jahren zu zerstören.
Aus archäologischen,
historischen und kulturellen Gesichtspunkten ist daher
das Ilisu-Staudammprojekt ebenfalls abzulehnen!
Soziale Probleme
Für den Bau des
Ilisu-Staudammes müssen zwischen 15.000 und 60.000
Menschen aus dem Überflutungsgebiet umgesiedelt werden.
Der riesige Stausee würde dann 52 Dörfer und 15
Kleinstädte überfluten. Heike Drillisch von der
Entwicklungsorganisation WEED drückte ihre Bedenken
hinsichtlich des Umsiedlungsverfahrens aus: "Es ist
in keiner Weise ersichtlich, wie ein demokratisches
Umsiedlungsverfahren in der von Bürgerkrieg
geschüttelten Region gewährleistet werden soll."
Es bestehen ernsthafte
Zweifel, ob die Türkei internationale Standards bei der
Umsiedlung einhalten wird. Beim Bau des Atatürk
Staudammes wurden insgesamt 65.000 Menschen unter
Anwendung brutaler Unterdrückungsmaßnahmen aus ihrer
Heimat vertrieben. Bisher fand eine Befragung oder
Beteiligung der Bevölkerung an der Projektplanung
zumindest nicht statt.
Es ist davon auszugehen,
dass Entschädigungen aufgrund der feudalen Strukturen in
Südostanatolien nur den wenigen Landbesitzern und
Dorfvorstehern zu Gute kommen wird. Der Großteil der
landlosen Bevölkerung bleibt dann nur der Weg in die
Slums der Großstädte oder die Migration in andere
Länder.
Durch die bisher
gemachten Erfahrungen und der politischen Situation in
Südostanatolien bestehen erhebliche Zweifel an der Art
und Weise der Umsiedlung.
Das Staudammprojekt muss
daher auch aus sozialpolitischen Gründen abgelehnt
werden.
Geopolitische
Probleme
Umweltverbände und
Menschenrechtsorganisationen vermuten, dass es bei dem
Ilisu-Staudammprojekt primär gar nicht um Bewässerung
und Energieversorgung geht. Vielmehr wird der Türkei
vorgeworfen, geopolitische Interessen in der Region
durchsetzen zu wollen. Der nahe der syrischen Grenze
gelegene Staudamm wird der Türkei die Möglichkeit
geben, den Weiterfluss des Tigris für mehrere Monate zu
unterbinden. Entgegen internationalem Recht, wurden
Syrien und Irak bei der Projektplanung weder ausreichend
informiert noch konsultiert.
"Auf UN-Ebene wird
seit Jahren vor möglichen Konflikten im Nahen Osten um
die Ressource Wasser gewarnt. Für uns ist daher völlig
unverständlich, wenn Außenminister Fischer trotz der
großen sicherheitspolitischen Bedenken, das Projekt für
förderungswürdig hält", kommentiert Heike
Drillisch von der Umwelt- und Entwicklungsorganisation
WEED.
Die seit Jahren
bestehenden Spannungen in der Region würden sicherlich
durch den Bau des Dammes weiter erhöht werden.
Wiederholt drohte in den letzten Jahren die Türkei
Syrien mit dem Stauen von Wasser, sollte Syrien der PKK
Zuflucht gewähren. Irak und Syrien wollen international
vorgehen, falls nicht gemeinsam eine Lösung
ausgearbeitet wird. Allerdings ist das schwierig. Mit
China und Burundi ist die Türkei der einzige Staat, der
die UNO-Konvention über den Nicht-Schiffbaren Gebrauch
internationaler Wasserwege ablehnt. Auch beteiligt sich
die Weltbank nicht am Ilisu-Projekt, so dass formell die
UNO-Konventionen und Weltbankrichtlinien nicht zur
Geltung kommen. Sonst könnten nämlich die betroffenen
Bevölkerungsgruppen und die Vertreter Syriens und des
Irak, das Projekt direkt anfechten.
Auch im Kampf gegen die
kurdische Identität spielt der Staudamm eine Rolle. Als
eine Komponente des "low intensy warfare" soll
der kurdischen Befreiungsbewegung der ökonomische Boden
entzogen werden. Teile der Bevölkerung werden durch GAP
aus ihrer Heimat vertrieben, andere Gruppen werden durch
ökonomische Vorteile, wie Arbeitsplätze und
Einkommensmöglichkeiten zur Loyalität motiviert.
Umsiedlungen und Neuansiedlung türkischer Arbeitskräfte
verstärken die Assimilierung der kurdischen
Bevölkerung. Die Staussen könnten eine Barriere für
Bewegungen der kurdischen Guerilla darstellen. Die
Umsiedlung tausender Menschen reduziert das lokale
Unterstützerpotential der Befreiungsbewegung.
Wie das gesamte GAP,
dient auch der Ilisu-Staudamm, der Entwurzelung und
Kontrolle der kurdischen Bevölkerung und der
Vergrößerung der türkischen Druckmittel gegenüber dem
Irak und Syrien.
Der Ilisu-Staudamm ist
daher aus militärischen und geopolitschen
Gesichtspunkten heraus unverantwortlich und abzulehnen!
Die Rolle
Deutschlands
Nicht nur im Nahen
Osten, auch in Deutschland sorgt der Bau des
Ilisu-Staudammes für Ärger. Das Bundeskabinett soll
noch in diesem Sommer entscheiden, ob sie die
Finanzierung mit einer sogenannten Hermes-Bürgschaft
unterstützt. Eine mit dem Bau des Wasserkraftwerkes
beauftragte Tochterfirma von ABB hatte einen Antrag auf
Absicherung des risikoreichen Geschäfts gestellt.
Während Entwicklungshilfeministerin Wieczoreck-Zeul dem
Staudammprojekt eher ablehnend gegenübersteht, haben
Wirtschaftsminister Müller und auch Außenminister
Fischer bereits ihre Zustimmung signalisiert.
Hermes Bürgschaften
sind eine gängige Art der Exportförderung. Dabei sollen
risikoreiche Projekte finanziell abgesichert werden.
Nutznießer sind neben den exportierenden Firmen vor
allem der Allianz-Konzern, deren Tochter Hermes AG, gegen
Gebühr die Absicherung der Exporte übernimmt. Dabei
kassiert die Allianz jährlich mal so eben 100 Milionen
DM Verwaltungskosten. Hinzu kommen für den Steuerzahler
noch die Schäden, die durch unsaubere Kalkulation,
jährlich bis zu 5 Milliarden DM ausmachen.
Aber auch unabhängig
vom finanziellen Aspekt ist Kritik an der Praxis der
Bürgschaftsvergabe angebracht. Als Mittel der
Exportförderung unterliegt die Bürgschaftsvergabe
hauptsächlich wirtschaftlichen Kriterien. Ökologische
und soziale Aspekte bleiben weitgehend ausgeklammert.
Zudem sind alle Vorhaben grundsätzlich geheim.
Zweifelhafte Projekte kamen bislang stets nur an die
Öffentlichkeit, wenn Umwelt- und Solidaritätsgruppen
Proteste aus den Importstaaten publik machten.
Forderungen solcher
Gruppen sind daher stets die Vergabe von Hermes
Bürgschaften an soziale und Umweltkriterien zu binden,
sowie das Verfahren Transparent zu machen und den
Einspruch von Wissenschaftlern und Betroffenen
zuzulassen.
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