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Terror
gegen Kurden
Die Kurden. Sind das nicht
diese Fanatiker, die Schutzgeld erpressen,
Terrororganisationen angehören, gewalttätig
demonstrieren und sich auch mal selbst verbrennen? Das
Bild der Kurden in der Öffentlichkeit ist schlecht.
Sucht man aber nach Gründen hierfür, macht man es sich
zu einfach, die Ursache in der "Mentalität"
einer Volksgruppe zu suchen. Vielmehr gibt es für das
schlechte Image zwei wesentliche Gründe: Die Kurden
leiden auch in Deutschland unter einer staatlichen
Kriminalisierung, wie kaum eine andere Gruppe und
zweitens begünstigt die Medienlandschaft einseitige
Nachrichten, die zu einer Imageverschlechterung
beitragen.
Staat...
Seit dem "PKK-Verbot"
von November 1993 (siehe unten), ist es für viele Kurden
sehr schwer geworden, sich politisch zu betätigen. Viele
ihrer Organisationen wurden verboten und über den noch
Existierenden, schwebt die Verbotsdrohung wie ein
Damoklesschwert.
In Freiburg zum Beispiel, wurde
noch im November '93 das "Kultur- und
Informationszentrum Kurdistan" geschlossen, das
gesamte Vermögen beschlagnahmt und die Wohnungen der
Vorstandsmitglieder durchsucht. Viele Demonstrationen und
Veranstaltungen wurden verboten oder aufgelöst, weil es
zum Schwenken von Fähnchen mit "verbotenen
Symbolen" gekommen war, oder die Polizei
befürchtete, dass es dazu kommen könnte. An Newroz, dem
kurdischen Neujahrsfest, wurden 1996 an allen
Zufahrtsstraßen, am Bahnhof und in der Innenstadt
ausländisch aussehende Menschen überprüft und am
Weiterfahren gehindert. Auf der Kaiser-Joseph-Straße kam
es nicht nur für Kurden, sondern auch für Jugoslawen
und Schwarzafrikaner zu Verweisen aus der Innenstadt.
"Seit '97 hat sich die
Situation allerdings etwas entspannt", schildert
Stefan Waldberg die weitere Entwicklung. Der 34-jährige
ist Journalist bei Radio Dreyeckland. Auch seine Wohnung
wurde 1995 durchsucht und ein zweijähriges
Ermittlungsverfahren eingeleitet, das dann ergebnislos
abgebrochen wurde. Zu dieser Zeit war Waldberg im
Vorstand des kurdischen Kulturvereins in Freiburg. Die
neue Taktik der Polizei ist inzwischen nicht sofort
einzugreifen, wenn "verbotene Symbole" gezeigt
werden, sondern die Teilnehmer auf Video aufzunehmen, um
sie später in Ruhe belangen zu können, was für viele
Kurden auch schwerwiegende Konsequenzen haben kann und
ihr Aufenthaltsstatus bedroht wird.
"Das Verbot ist ein Eingriff
in grundlegende Menschenrechte wie die
Versammlungsfreiheit, die Pressefreiheit und die
Meinungsfreiheit." sieht Waldberg die Situation
"Die kurdische Bevölkerung muß ständig
befürchten, dass aus irgendeinem Anlaß, die Razzien,
Durchsuchungen, Beschlagnahmungen ihrer Literatur und
Verhaftungen erneut beginnen." Viele Aktionen,
werden schlicht und einfach durch das
"PKK-Verbot" illegal, obwohl ansonsten keine
Straftaten begangen werden.
...und
Medien
Betroffen von der
Kriminalisierung sind auch eine Reihe kurdischer Medien
und Nachrichtenagenturen. Zeitgleich zu den Prozessen
gegen den PKK-Führer Öcalan, wurde der in London
sitzende kurdische Sender Med TV, der europaweit zu
empfangen ist, geschlossen. Die Räume der in Deutschland
produzierten Zeitung Özgur Politika, wurden am 12.
Januar dieses Jahres durchsucht und dabei u.a. zwei
Besucher festgenommen. Alles mit der Begründung, die
"Logistik der PKK zu zerschlagen", so
Bundesinnenminister Schily.
Dabei ist es gerade für die
Kurdenproblematik wichtig, alternative Informationen
über kurdische Medien zu bekommen. Nachrichten aus dem
kurdischen Kriegsgebiet sind hierzulande meist von der
staatlichen türkischen Sichtweise geprägt. Die meisten
Artikel stammen von Korrespondenten, die nicht selbst im
unter Ausnahmezustand stehenden Gebiet Kurdistan
vertreten sind, oder von Nachrichtenagenturen. Doch weder
AP noch AFP noch dpa haben ständige Vertreter im
Krisengebiet. Somit bleiben meist nur noch türkische
Quellen als Berichtsgrundlage übrig, die bei der
derzeitigen presserechtlichen Situation in der Türkei
vom Generalstab der Armee kontrolliert werden.
Für die Berichterstattung aus
Deutschland spielt noch ein anderes Problem eine Rolle.
"Die Presse ist meist eher an Schlagzeilen
interessiert, als an Hintergründen", kritisiert
Waldberg. Noch gut sind uns fette Überschriften von den
"Terrorkurden" oder den
"Kurden-Krawallen" nach der Verhaftung Öcalans
in Erinnerung. Es dominieren Meldungen von Gewalt oder
Berichte über Einzelschicksale, wie beim Fall des in
Freiburg lebenden Kurden Ömer Polat. Nicht die (für
alle Kurden) bedrohliche Situation in der Türkei stand
im Mittelpunkt der Berichte, sondern sein persönliches
Schicksal.
Begierig nimmt die Presse auch
regelmäßig auftauchende Behauptungen von
PKK-gesteuerten Schutzgelderpressungen und organisiertem
Drogenhandel auf. Laut Bundesinnenministerium ist jedoch
keine organisierte Verbindung zwischen der PKK und den
oben genannten Straftaten bekannt. Vor Einiger Zeit
berichtete die lokale Presse über fünf Kurden, die im
Elztal Spendengelder im Auftrag der PKK erpresst haben
sollten. Nach 1-15 Monaten in Untersuchungshaft, mussten
alle wieder frei gelassen werden, weil der
Hauptbelastungszeuge sich in die wildesten Widersprüche
verwickelte. Doch über die Unschuld der Kurden wurde
später lediglich in einer Randnotiz berichtet.
Kurden, die sich öffentlich als
Kurden zu erkennen geben, leiden wie keine andere
Volksgruppe unter der Vorverurteilung durch die
Öffentlichkeit und den Staat. "Das PKK-Verbot
kriminalisiert Kurden, die sich politisch engagieren. Die
Medien übernehmen diese staatliche Verurteilung der
kurdischen Bewegung dann meistens unkritisch", meint
auch Waldberg. Für ihn ist spätestens seit die PKK in
Europa vollständig auf Gewalt verzichtet, ein Verbot
dieser größten kurdischen Organisation unsinnig.
Stichwort: PKK-Verbot
Das sogenannte PKK-Verbot von
November 1993, umfaßte das Verbot von 35 kurdischen
Vereinen, Zeitungen und Nachrichtenagenturen und führte
auch danach immer wieder zu Vereinsverboten. Entgegen der
gängigen Meinung, wurde die Kurdische Arbeiterpartei,
PKK und ihr politischer Arm, die ERNK nicht verboten,
schon gar nicht als "terroristische
Vereinigung", sondern über sie ein
"Betätigungsverbot" verhängt. Kritisiert wird
am "PKK-Verbot" vor allem, dass dadurch eine
politische Lösung der Kurdenfrage erschwert wird, ist
doch die PKK die größte und einflußreichste
Organisation der kurdischen Bevölkerung. Türkische
Hardliner sehen sich durch das Verbot in ihrer Haltung,
den Kurdenkonflikt militärisch zu lösen und nicht mit
der PKK zu verhandeln, von deutscher Seite bestätigt.
Info-Box
Kurden
Die Kurden, ein ca. 25 Mio
Menschen umfassendes westasiatisches Volk mit eigener
Sprache und Kultur, aber ohne eigenen Staat, streben die
Anerkennung ihrer kulturellen Eigenständigkeit an. Etwa
die Hälfte von ihnen lebt in der Türkei Die übrigen
Kurden waren 1998 in Iran (6 Mio), Irak (4 Mio), Syrien
(1 Mio), Armenien und Aserbeidschan (400 000) sowie in
Europa (1 Mio) ansässig. In Deutschland lebten 1998 rund
500 000 Kurden (...).
aus: Aktuell 2000, Harenberg
Informationen zur politischen
Arbeit der Kurden in Freiburg gibt es unter
www.kurdistan-solidaritaet.de
Benno Herzog
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